„An dieser Klinik hängt mein Herz“

Seit dem 1. Februar 2020 ist ein alt bekanntes Gesicht an die St. Lukas Klinik zurückgekehrt: Inna Bierwirth (55), Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, ist nach 1 ¼ – jähriger Pause wieder als Chefärztin in unserem Haus tätig. Im Interview erzählt sie, warum sie zurückgekehrt ist, was die St. Lukas Klinik ausmacht und wann man sich psychologische Hilfe suchen sollte.

Frau Bierwirth, was hat Sie dazu bewegt Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie zu werden?
Inna Bierwirth: Ich komme aus einer Ärzte-Familie und wusste schon sehr früh, dass ich auch Medizin studierten möchte. Schon nach dem 2. Semester wusste ich, dass mein Platz in der Psychiatrie ist. Dort habe ich mich von Anfang an sehr wohl gefühlt und kann mir bis heute nicht vorstellen, woanders zu arbeiten.

Sie stammen ursprünglich aus der Sowjetunion. Was hat Sie nach Deutschland, nach Bayern und in die St. Lukas Klinik verschlagen?
Inna Bierwirth: Ich bin 1993 aus meinem Heimatland ausgewandert und habe seitdem in sehr vielen Ländern, darunter Belgien, England, Portugal und der Schweiz, gelebt. 2013 habe ich mich entschlossen, nach Deutschland zu gehen und mich bei der St. Lukas Klinik beworben. Hier war ich fünf Jahre lang, erst als Oberärztin, später als Chefärztin, tätig. Seit dem 1. Februar bin ich wieder da und arbeite als Chefärztin im Haus 2: Hier behandeln wir Patienten, die eine psychosomatische Reha, einen Alkoholentzug, beziehungsweise eine Alkoholentwöhnung machen oder psychiatrische Betreuung brauchen.

Warum sind Sie nach 1 ¼ Jahren Unterbrechung wiedergekommen?
Inna Bierwirth: An dieser Klinik hängt mein Herz: Während der ersten Jahren in Bad Griesbach habe ich hier sehr viel mitgestalten und aufbauen dürfen. Damals, 2013, gab es zum Beispiel die psychiatrische Abteilung noch nicht, die habe ich von Anfang an begleitet. Die psychosomatische Reha und die Abteilung zur Entwöhnungstherapie und Entgiftung gab es damals zwar schon, hier durfte ich aber verschiedene Konzepte, zum Beispiel das Trauerkonzept im Rahmen der psychosomatischen Reha erneuern und verändern. Ich habe in diese Neuerungen und Veränderungen viel Zeit und Energie verwendet, auf die Ergebnisse bin ich sehr stolz und freue mich sehr, dass ich daran jetzt weiterarbeiten darf.

Welche Vorteile hat eine Therapie in der St. Lukas Klinik gegenüber anderen Kliniken?
Inna Bierwirth: Wir betreuen unsere Patienten hier viel intensiver und stellen uns mehr auf ihre individuellen Bedürfnisse ein, als das in vielen anderen Kliniken der Fall ist.
Nehmen wir den Alkoholentzug bzw. die -entwöhnung als Beispiel: In den meisten Entzugskliniken erhalten die Patienten Medikamente, damit sie ihre körperliche Abhängigkeit vom Alkohol in den Griff bekommen und einmal pro Woche haben sie eine Stunde Gruppentherapie. Bei uns haben die Patienten jeweils zwei Stunden Gruppentherapie sowie viele weitere Therapieangebote: Akkupunktur, Sportkurse, Einkaufs- und Genusstraining, Sauerstofftherapie und vieles mehr bieten wir an. Das alles stimmen wir auf die Bedürfnisse unserer Patienten ab.

Welche Krankheitsbilder werden hier bei Ihnen, im Haus 2 der St. Lukas Klinik, behandelt?
Bierwirth: Im Rahmen der psychosomatischen Reha kommen Patienten zu uns, die bereits eine Akuttherapie und ambulante Behandlung absolviert haben. Sie litten beispielweise an einer Depression, Angststörung oder posttraumatischen Belastungsstörung, jeglichen Krankheitsbildern des psychosomatischen Spektrums. Bei uns lernen die Patienten, mit ihrer Krankheit umzugehen und zurück in ihren Alltag und ihr Berufsleben zu finden. Die psychosomatische Reha bieten wir für Privat- und Kassenpatienten an.
In der Psychiatrie behandeln wir Patienten, die mehrere Krankheitsbilder gleichzeitig aufweisen, zum Beispiel jemanden mit einer Alkohol oder Benzodiazepin Abhängigkeit und einer Depression und / oder Angststörung. In der Psychiatrie nehmen wir ausschließlich Privatpatienten auf.
Und schließlich im Entwöhnungs- und Entgiftungsbereich kommen Menschen zu uns, die unter Alkoholismus leiden. Diese Patienten müssen ihre Therapie in unserem Haus selbst bezahlen.
Wichtig ist mir noch zu sagen, dass wir die Patienten nicht nach dem Krankheitsbild betrachten, mit dem sie zu uns überwiesen werden oder dem, dass sie sich selbst zuschreiben. Wir therapieren stets die ganze Person, da kann es auch sein, dass jemand zwischen den einzelnen Bereichen wechselt.

Es ist kein Geheimnis, dass psychische Erkrankungen zunehmen. Wie erklären Sie sich das?
Bierwirth: Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, die jedem Einzelnen von uns viel abverlangt. Das führt bei vielen Menschen zu Stress. In einem Bereich des Lebens, über einige Zeit auch in mehreren, können wir auch gut damit umgehen, können das kompensieren. Doch irgendwann, spielen Körper, Geist und Seele nicht mehr mit, wir werden mit der Stressbewältigung nicht mehr fertig und werden krank.

Stressige oder einfach schlechte Tage kennt jeder. Ab wann sollte man sich Hilfe suchen?
Bierwirth: Sobald man darunter leidet und typische Symptome wie Schlafstörungen, innere Unruhe oder Ängste jeglicher Art auftreten. Auch wenn man das Gefühl hat, dies durch einen Suchtstoff, sei es Alkohol, Medikamente oder Sonstiges, kompensieren zu müssen, sollte man sich Hilfe suchen.
Ein paar Worte noch zur Stigmatisierung von psychischen Krankheiten: Die gibt es leider bis heute. Trotzdem sollte man keine Scham haben, sich Hilfe zu suchen, wenn man sie braucht. Das ist sehr wichtig.

Doch die Wartelisten von Psychiatern und Psychologen sind lang. An wen wendet man sich am besten, wenn man glaubt, ein psychisches Problem zu haben?
Inna Bierwirth: Ich empfehle als erstes den Gang zum Hausarzt. Dieser ist verpflichtet, psychosomatische Grundversorgung zu leisten. Er kann die aktuelle Lage seiner Patienten erst einmal einordnen, erste Hilfestellungen geben und sie gegebenenfalls weitervermitteln.

Beenden wir das Interview mit etwas positivem: Was sind für die Sie die schönsten Momente als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie?
Inna Bierwirth: Ich begleite unsere Patienten von der Aufnahme, über ihre Therapie bis zur Entlassung. Wenn jemand nach vielen Wochen unsere Klinik als glücklicher und gesunder Mensch verlassen kann, das sind die schönsten Momente. Das treibt mich an.